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Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben: 3 Spiele zum Thema Trauer und Verlust

“Game over, you died.” Der Tod in Spielen ist merkwürdig. In den meisten Games haben wir es darauf abgesehen, so viele Gegner*innen wie möglich ins Jenseits zu schicken. Sterben wir dabei selbst, ist es demütigend. Unser Ableben wird mit Verlieren gleichgesetzt. Nachdem wir also unser wütendes Gesicht im schwarzen Ladebildschirm anschielen konnten, machen wir uns an den nächsten Versuch, die Gegnerhorde zu vernichten – und stehen kurze Zeit später in einem Haufen von Leichen. Gewonnen! Tod ist zur Nebensache geworden, die Moral über Bord geworfen und je mehr Leichen wir auf unserem Bildschirm in diesem Moment sehen, desto siegreicher fühlen wir uns.

Andererseits kann der Tod eines geliebten Charakters in uns auch starke Emotionen wie Wut und Mitgefühl (und Shitstorms) auslösen. Nehmen wir da nur The Last of Us: Part II, in welchem – ACHTUNG SPOILER – unser geliebter Held Joel aus dem ersten Teil regelrecht hingerichtet wird.

Auf einmal nehmen wir den Tod ernst. Sehr ernst. Er wird zu einem Motiv zur Rache und begleitet uns auf unserem blinden Feldzug wie ein kalter, befremdlicher Schatten. Selten habe ich mich Tod in Spielen so nah gefühlt, wie wenn Überlebende die Namen ihrer Kumpanen brüllen. Kumpanen, die ich kurz zuvor mit Splittergranaten zerfetzt habe. Das macht betroffen und wahnsinnig schuldbewusst. Zu allem Überfluss hat das Opfer noch den Brief eines geliebten Menschen bei sich, der meinem üblen Gefühl in der Magengrube nochmal einen draufsetzt. “Ich hatte meine Gründe”, sage ich mir. Ja, und ich bin auch ziemlich grausam. Niemand ist hier einfach gut oder böse – das hat The Last of Us: Part II mich gelehrt. Aber nun genug des Exkurses. Weiter zum eigentlichen Teil.

In einer düsteren Hütte steht eine silhouettenhafte Gestalt in der Tür. Im Vordergrund liegt ein blutiger Arm. Die Szene stammt aus dem Spiel The Last of Us: Part II.
The Last of Us: Part II ließ mich mit einem beklemmenden Gefühl zurück. (© Sony Interactive Entertainment)

Der spielerische Umgang mit Tod und Trauer

Der Tod ist in Spielen überall. Wahre Trauer und Verlustgefühl sind es nicht. Dabei können Spiele durch verschiedene Narrative so wunderbar komplexe Emotionen darstellen, dass sie bei der Verarbeitung überwältigender Gefühle wie Trauer und Verlust helfen können. In Spielen steckt ein großes Potential. Insbesondere Indie-Games nähern sich besagten Themen auf eine respektvolle und zugleich berührende, nahbare Art und Weise, weshalb ich Euch in diesem Beitrag drei bewegende Games dieser Art vorstellen möchte.

What Remains of Edith Finch: Die Macht der Erinnerung

In What Remains of Edith Finch erleben wir durch die Augen der 17-jährigen Edith eine Familiengeschichte der anderen Art. Die Familie Finch leidet nämlich unter einem vermeintlichen Fluch, der seit Generationen die Familienmitglieder heimsucht und in den Tod zieht. Im Spiel begeben wir uns auf die Suche nach der Wahrheit hinter besagtem Fluch und erkunden in Form eines Walking-Simulators das verlassene Familienanwesen der Finchs. Dabei erleben wir die unterschiedlichen Geschichten der einzelnen Familienmitglieder und nehmen interaktiv an den letzten Minuten ihres Lebens teil. Diese Geschichten sind lustig, kurios, spannend, traurig und manchmal auch alles gleichzeitig. Die Gemeinsamkeit aller ist jedoch, dass sie uns auf unglaublich berührende Art und Weise die Schicksale der Verstorbenen näherbringen. Nicht nur näherbringen – durch das durchdachte Gameplay und das grandiose Storytelling werden wir quasi eins mit der Person und ihrer Geschichte. Zusätzlich unterstützen die liebevoll gestalteten und detailreichen Rückzugsorte der einzelnen Finchs die famosen Narrative des Spiels und sorgen für eine einzigartige Atmosphäre.

What Remains of Edith Finch zeigt was von uns bleibt, wenn wir sterben: die merkwürdigen, lustigen und traurigen Geschichten. Und die bleiben – egal, wie lang das gelebte Leben war. Außerdem lernen wir, dass es zumeist mehrere Blickwinkel auf eine Geschichte gibt. Und davon können alle richtig sein – oder keiner.


When The Past Was Around: Die Vergangenheit überwinden

When the Past Was Around ist ein melancholisches Point-and-Click-Adventure, welches sich mit den Themen Trauer, Verlust, Bewältigung und großer Liebe befasst. Im Spiel werden wir Zeuge der Liebesgeschichte zwischen Eda und Owl. Owl ist fort. Wir begleiten Eda auf ihrer bittersüßen Reise durch die Vergangenheit, die Erinnerungen mit ihrem Geliebten und helfen ihr mithilfe von Rätseln Schritt für Schritt von der unsäglichen Trauer zurück ins Leben.

Im Spiel wird übrigens kein einziges Wort gesprochen. Und das ist auch gar nicht nötig, denn die wunderschönen Bilder sprechen ihre eigene Sprache. Zusätzlich rundet die musikalische Untermalung die Bildszenen in perfektem Maße ab, was sehr gut zur eher stillen Atmosphäre des Games passt. When the Past Was Around ist mit seinen zwei Stunden Spielzeit das perfekte Spiel für einen verregneten Sonntagnachmittag.


Spiritfarer: Fürsorgliche Begleitung ins Jenseits

Wie kann man Spiritfarer am besten beschreiben? Nun ja, Spiritfarer ist ein Management-Spiel über das Sterben und die Reise ins Jenseits. Wir schlüpfen in die Rolle von Stella. Stella bekommt die Aufgabe des Fährmanns Charon übertragen und wird somit zur Fährfrau. Ihr Auftrag ist es nun, Sterbende ins Jenseits zu begleiten. In diesem Job gibt es viel zu tun: Beeren und Pilze pflücken, Holz hacken, Beete pflegen, kochen und und und… Zusätzlich bauen wir unser Fährschiff weiter aus, um mehr Passagier*innen aufnehmen zu können.

Das Wundervolle des Spiels ist aber das, was zwischen der harten Arbeit passiert. Wir agieren mit den komplexen Charakteren und lernen sie auf unserer Reise immer besser kennen, bis es Zeit ist, für immer Abschied zu nehmen. Die Gestorbenen haben dabei allesamt unterschiedliche und sehr nahbare Geschichten. Da wäre zum Beispiel Summer, die es liebte Zeit in der Natur zu verbringen. Sie sehnt sich nach ihrer großen Liebe Rose, mit welcher sie zu Lebzeiten einen blühenden Garten angelegt hatte. Oder Astrid, die ihr irdisches Dasein der Hilfe Anderer verschrieb. Als junge Frau versteckte sie jüdische Kinder im Keller des Familienrestaurants, als an der Oberfläche der Zweite Weltkrieg tobte. Beide begleiten wir ins endgültige Jenseits. Die Interaktion mit den vielschichtigen Charakteren wirft eine tiefgehende Frage auf, die sich wahrscheinlich viele von uns im Laufe ihres Lebens stellen: Habe ich mein Leben so gelebt, wie ich wollte?

Spiritfarer zeigt eindringlich, in was für einer besonderen Form wir dem Tod in Spielen begegnen können. Und was Pflege und Sterbebegleitung bedeutet: Hingabe, Fürsorge, Anstrengung, Wehmut, Trauer. Und Liebe.

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